30.06.2012

Von Hohentengen in den Landtag

30.06.2012

"Papa kommt gleich", sagt die 21-jährige Katharina. Sie studiert an der Universität in Konstanz fürs Lehramt und ist "auf Heimaturlaub". Mit am Tisch sitzen Michael (19), der gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr beim DRK in Bad Saulgau ableistet, und sein 17-jähriger Bruder Raphael, der noch aufs Gymnasium geht.

Mutter Hildegard stellt den Brotkorb auf den Tisch. Nicht jeden Tag sitzt die Familie gemeinsam am Esstisch. In Zukunft kann das noch weniger werden. Denn "der Papa" heißt Klaus Burger und wird zukünftig den Kreis Sigmaringen im Landtag von Baden-Württemberg vertreten.

In einer knappen E-Mail hat die ehemalige Umwelt- und Verkehrsministerin Tanja Gönner die Presse am Donnerstag informiert, dass sie am Mittwoch dem Präsidenten des Landtags von Baden-Württemberg mitgeteilt habe, dass sie mit Ablauf des 30. Juni ihr Landtagsmandat zurückgibt.

Nun ist es also endgültig. Klaus Burger, 53 Jahre alt, gelernter Bankkaufmann und seit knapp einem Jahr Geschäftsführer des Bauernverbandes Biberach-Sigmaringen, geht nach Stuttgart. "Auch", sagt er. Denn den Job beim Bauernverband wird er in Teilzeit weitermachen. Das findet er auch wichtig, um die Probleme der Landwirtschaft und des ländlichen Raumes auch in Zukunft ungefiltert und aus erster Hand mitzubekommen. "Wir werden ihn unterstützen, wo es geht", sagt Gerhard Glaser, Kreisobmann des Bauernverbandes. Er schätzt seinen Geschäftsführer sehr. Und diese Wertschätzung kommt Burger auch in vielen anderen Bereichen zu.

Er ist kein Karriere-Mensch. Damit, dass er tatsächlich einmal in den Landtag einziehen könnte, hat er sich zwar befasst, ehe er sich als Zweitkandidat bei der CDU aufstellen ließ, auch wenn er die Möglichkeit damals als eher gering einschätzte. Denn seine Vorgängerin Tanja Gönner stand für den Erfolg der Christdemokraten. Sie war Profi im Politgeschäft. "Natürlich hat uns der Regierungswechsel in Stuttgart alle überrascht", sagt Burger. Er habe aber eher damit gerechnet, dass Tanja Gönner vielleicht eines Tages als Bundesministerin nach Berlin gehen würde. Jetzt ist alles anders gekommen und Burger ist jetzt Abgeordneter der Opposition. "Da tut man sich schon schwerer, als wenn man zur Regierungspartei gehört", sagt er. Trotzdem freut er sich auf seine neue Aufgabe. "Ich kenne die Region hier, ich weiß, wie die Menschen ticken, was sie bewegt." Die Doppelbelastung von Beruf und Mandat wird sicher auch Auswirkungen auf die Freizeit haben. Burger ist Gemeinderat in Hohentengen, stellvertretender Bürgermeister, Kreisrat, nimmt an Blutritten teil und ist ein absoluter Fasnetsnarr. "Eigentlich die ganze Familie", schmunzelt "der Klaus", wie ihn gute Bekannte nennen. Und das bedeutet, dass die Burgers gemeinsam bei Bällen auftreten und das Programm mit dem bereichern, was man als schwäbischen Humor bezeichnet. "Das kann auch manchmal etwas derb sein, aber nie verletzend", sagt Burger. Er ist eher ein Mann der ruhigen Töne (wenn nicht Fasnet ist), bodenständig geprägt, jemand der gerne Zeit im Garten oder auf seinem "Äckerle" verbringt.

Nicht weit vom Haus steht die Kirche St. Michael. Deren Läuten begleitet den neuen Landtagsabgeordneten in den Tag - und der Herrgott. "Ohne den geht nichts", sagt Hildegard Burger. Und damit ist auch schon klar, dass mit Burger ein Mann nach Stuttgart geht, dem sein christlicher Glaube sehr viel bedeutet. Intrigen und Verletzungen sind ihm zuwider. "Es ist bestimmt schwer, es allen recht zu machen", sagt er mit einem nachdenklichen Blick. Vielleicht kommt ihm da eine Fähigkeit zu gute, die manchen Politikern fehlt: "Ich habe mehr Erfolge mit Ausgleich erreicht, als mit Angriff", sagt er. Wenn man ihn als "wertkonservativ" bezeichnet, dann lehnt er das nicht ab. Doch das bedeutet nicht, dass der CDU-Mann mit Scheuklappen und Vorurteilen rumläuft. So hat er bei der vergangenen Kommunalwahl dafür gesorgt, dass auch ein EU-Ausländer auf die Liste kam, der auch prompt gewählt wurde. Der passe prima ins Team der CDU, wo es auch keinnen Fraktionszwang gibt.

Artikel von Karlheinz Fahlbusch (Südkurier)